Unlängst stellte ich mir die Frage, wie schlimm es nach dreiunddreissig Jahren Erdenbürgerschaft um mich bestellt ist. Bekanntlich führen ja die sieben schlechten Charaktereigenschaften gerne zum Verstoss gegen die zehn Gebote, und dies führt dann zur Todsünde. Sei es an Hochzeitsfeiern, Geburtstagspartys oder Weihnachten: Diese Festivitäten bringen doch fast immer das Beste und Schlechteste eines jeden zum Vorschein. Ich habe mir darum für meinen schonungslos aufrichtigen Selbstversuch ein sogenanntes „Bäumli-Fäscht“ ausgesucht. Während dem fast einjährigen Nachwuchs gehuldigt wird, bedanken sich dessen Eltern bei Helfern, Freunden und Verwandten mittels üppigem Buffet und reichlich Alkohol.

Gleich zu Beginn der Party konnte ich brillieren. Den älteren Geschwistermädchen des Babys zwei XXL-Kreideboxen einfach so als Präsent in die Hände gedrückt und dafür ein strahlendes Lächeln geerntet, fegte ich die schlechte Charaktereigenschaft Geiz, gleich vom Tisch. Stolz die erste Hürde gemeistert, mischte ich mich unter das Partyvolk. Und ertappte mich dabei, wie ich bei einem kühlen Bierchen die unzähligen Mamis musterte. Egal ob ein, zwei oder drei Kinder geboren, die spielten mit ihren Körpermassen fast alle in der Liga von Supermodels. Schon fies, schoss es mir durch den Kopf, und ich fragte mich, was zum Teufel mache ich falsch? Diese Frauen gebären am laufenden Band, tragen wenige Monate später ihre Skinny Jeans zur Schau, und ich als Katzenhalterin quäle mich und ächze regelmässig an den Gewichten im Studio, kann aber nicht annährend mithalten. Von Neid zerfressen lief ich vor meinem geistigen Auge grün an wie Hulk, und beinahe hätte es mir die Nicht-Size-Zero-Klamotten vor den Augen aller Gäste in einer gewaltigen Explosion vom Leib gesprengt.

Nahtlos ging ich vom Neid über zur Eitelkeit. Im Normalfall würde ich diesen Punkt kopfschüttelnd und absolut energisch verneinen. Gut möglich, dass man mich abends im Dorfladen nach einer Bamubs-Entwurzelungsaktion unter grässlichen Flüchen und mit Erde im Gesicht dort antrifft. Oder ich mich auf einem überfüllten Gartencenterparkplatz wegen Feuerwehralarms vor den Augen Fremder bis auf die unspektakuläre Unterwäsche ausziehe, nur um schnell in mein „Gwändli“ zu schlüpfen. Eitel? Ich? Niemals! Aber zwei Stunden vor dem Fest war ich eifrig damit beschäftigt, der Struwwelpeter-Naturkrause auf meinem Kopf mittels Glätteeisen jeden Hauch von Locken unter höllischen Temperaturen den Garaus zu machen.

Geknickt setzte ich mich neben meine liebste Freundin auf die Festbank. Kaum das kühle Bierchen gekippt, grinste mich auch schon das Rotweinglas vor der Nase an. Eine gewaltige Platte mit absolut grandiosem Zwiebel-Focaccia wurde an uns vorbeigereicht, und ich griff zu. Diesem himmlischen Duft konnte ich auch beim zweiten, dritten und, herrjeh, vierten Mal nicht widerstehen! Es folgten Mozzarella-Tomaten-Spiesse, Spagetti Bolognese und natürlich das Dessertbuffet, ein Parademenü der Völlerei. Mein Charakter drohte an diesem Tag zu versagen, Teufelchen sass zu meiner Linken und piekte mich mit den spitzigen Zacken seiner Gabel perfide in den Hintern. „Ich habe für dich in diesem Moment vorsorglich einen feurigen Platz in der Hölle reserviert“, grinste es dreckig. „Nichts ist verloren“, tätschelte mir Engelchen aufmunternd die Schulter. „Zorn, Wollust und Faulheit sind noch zu durchzustehen?“, erinnerte es mich.

Wenigstens hatte ich die Party beizeiten verlassen und konnte stolz berichten, dass ich der Wollust den Rücken gekehrt hatte. War ich zornig an diesem Abend? Fragte ich mich in Gedanken auf der Rückfahrt. Nein, höchstens auf mich selbst, dass ich mir ausgerechnet diesen Anlass für das Experiment ausgesucht hatte. „Wir können den Punkt nicht werten“, bestimmte Engelchen auf dem Rückspiegel sitzend mit einem zuckersüssen Lächeln. Bumm! Von Rauch eingehüllt und von meiner Tankanzeige rot beleuchtet, erschien Teufelchen auf dem Lenkrad. „Was wirst du tun, sobald du die Türschwelle überschritten hast?“ Ich will mich dagegen zur Wehr setzen, da dreht es dreckig lachend die Wagenheizung auf volle Stufe. „Wonach hast du den ganzen Nachmittag gelechzt, wie eine verlorene Seele in der Wüste, nach Wasser?“ Ich nicke und richte meinen Blick auf den Göttergatten neben mir. „Du, also, ich schaue mir noch so richtig faul vor der Glotze im Replay das Formel 1 Rennen an.“

Charakter auf dem Prüfstand von Angela Suter erschien in Bierglaslyrik Nr. 26, November 2014