Wenn ich mir in diesem Urlaub noch ein weiteres nacktes Sixpack während des Dolcefarnientes auf der Strandliege ansehen muss, gefolgt von „Ciao Bella“ und einem scharfen Pfiff, wird mir der Sinn für Erotisches endgültig entgleiten. Jenes aufregende, herzerwärmende, liebliche, subtile, nicht greifbare Gefühl, das bei mir ungeahnte Höhenflüge auslöst. Es ist Abend, und ich habe es mir auf der Gartenterrasse des Bungalows gemütlich gemacht.

Die Zeitschrift auf meinen Oberschenkeln, die Füsse in bunten Socken auf dem Schemel, das Dessert in Form des Eiskaffees perlt bei den schwülen Abendtemperaturen bereits Tropfen auf den Becher. Mein Blick schweift zur Gabelung des Gehwegs. Und da, nur wenige Meter entfernt, trifft Er mich wie der Stromstoß eines Viehzauns, den ich mit elf Jahren aus purem Leichtsinn berührt hatte.

Das schwarze Basecap sitzt verkehrtherum auf seinem Kopf, die breiten Shorts tief auf seinen Hüften und labbrig an den schlanken Beinen. Ein aufrechter Gang, nicht arrogant, das ärmellos weisse Shirt mit wildem Gekritzel animiert mich, in der wahllosen Strichführung ein Bild festzumachen. Bunte Tätowierungen zieren seine Arme, hinter den Gläsern der Sonnenbrille versteckt er seine Augen. Mir gefällt, dass er Sorge zu seinem Körper trägt, sein ultraflacher Bauch bestätigt meinen Augen regelmässiges Training. Dieser Mann passt nicht ins Raster des klassisch attraktiven Typen, trotzdem hat er was, aber was nur?

„Benehmt euch anständig!“, sagt er und blickt über seine Schulter. „Verstanden?“ Er lacht laut, ein aufrichtiger Klang schwingt in seiner Stimme mit. Ein kleines Mädchen wirbelt ungestüm an ihm vorbei, gefolgt von einem Jungen.

Ich bewundere, wie er die Kinder mit seinem Lachen begeistert, sie achtsam im Auge behält und ihnen dennoch Freiraum lässt!

„Hi“, grüsst er.

Ich lächle ihm zu, nicke. „Hallo.“

Es imponiert mir, wie hochanständig er mich ansieht, ohne meinen Körper gleich einer Bewertung zu unterziehen. Der gellende Schrei zerrt mich aus unserem Blickkontakt. Das Mädchen liegt flach auf dem Asphalt. Ich lasse die Zeitschrift fallen, springe auf, renne und knie mich neben sie. Sie rappelt sich hoch, streckt ihre Händchen nach oben. „Oh je, lass dich mal anschauen“, ich greife sie unter den Armbeugen. Die Augen fest zusammengepresst ist sie den Tränen nah. Flüchtig berührt sein Ellenbogen meine Taille, und kurz weht mir sein Duft in die Nase. Die herrliche Mixtur aus Seife und dezentem Aftershave entlockt mir ein Schmunzeln. Schämen sollte ich mich dafür, dass meine wachgeküssten Triebe mich für einen Moment durcheinanderbringen, während mich das Mädchen mit schmerzverzerrtem Gesicht ansieht. Wie in einer Menschenkette Sandsäcke weitergereicht werden, hebe ich sie ihm steif entgegen. „Hast du dir wehgetan? Lass mich bitte mal sehen!“

Mich fasziniert, wie er vorsichtig mit seinen schlanken Fingern nach ihrem Arm greift, dabei die Ruhe bewahrt und keine Sekunde grob handelt! Mit der Sorgfalt eines Archäologen inspiziert er jeden einzelnen ihrer Finger. Vertrauensvoll bettet sie ihren Kopf an seine Brust, und er streicht ihr beruhigend übers Haar. Ihr Ellenbogen blutet nicht stark, aber wenn er sie weiterhin so in seine Taille stemmt, besudelt Rot bald sein jungfräulich weisses Shirt. Ich zeige auf ihren Arm. „Der Ellenbogen, ich habe eine Apotheke mit.“

„Keks, lässt du dich verarzten von der Frau?“

Skeptisch sieht sie mich an, sucht dann seinen Blick, und als er nickt, stimmt sie mit ein.

„Kennst du Dorie aus Findet Nemo? Ich glaube, ich habe sogar Pflaster von Dorie.“ Professionell habe ich mit blauen Nitrilhandschuhen, Gaze, Desinfektionsspray und Dorie-Pflaster den Ellenbogen verarztet, denn darin bin ich wirklich gut.

Ihr neugieriger Blick allerdings, als sie sich auf den Stuhl stellt, trifft mich unvorbereitet. „Frau Rettungsdienst, haben Sie auch ein Pflaster für meinen Paten?“

„Selbstverständlich. Wo hat er sich denn wehgetan?“

„Er hat ein gebrochenes Herz.“

„Keks, das wollten wir doch nicht vor Fremden breittreten.“

„Die Frau Rettungsdienst ist aber nicht mehr fremd, und die weiss, was sie tut, und die hat Dorie-Pflaster, und die hat gesagt, mit dem richtigen Pflaster kriegt man fast alles hin.“

Herrjeh, eine unüberlegte Äusserung meinerseits, und die heile Welt des Mädchens gerät ins Wanken, wenn ich meinem Versprechen nicht nachkomme.

„Frau Rettungsdienst?“ Auffordernd sieht er mich mit seinen fantastisch kaltblauen Augen an. Eisig wie das Blau der Gletscherspalten des Khumbu-Eisfalls am Mount Everest. Nie habe ich mich so berührt gefühlt wie damals, bis heute.

„Wir brauchen Frauensalbe, bin gleich zurück.“ Fliehend vor dem Gefühl, was sein intensiver Blick in mir aufwirbelt, hetze ich ins Bad. Mit zittrigen Fingern greife ich nach zwei Parfümfläschchen. Wo steckt eigentlich der Junge? Die Kleine steht immer noch auf dem Stuhl. „Wirst du mir helfen?“ Eifrig nickt sie, und ich lasse sie an beiden Duftnoten schnuppern. „Was riecht besser?“

Bei meinem Favoriten schüttelt sie energisch den Kopf. „Ihhh! Stinkt wie Hubertus, der zieht mich immer an den Haaren.“ Sie tippt mit ihren Fingernägeln auf mein Notfallparfüm. „Schmeckt fein, süss und klebrig.“ Plötzlich hüpft sie vom Stuhl. „Der Eiswagen bimmelt, der Eiswagen kommt gleich ums Eck!“

„Je eine Kugel für jeden von euch.“ Er kramt in seiner Hosentasche, hält ihr den Fünfeuroschein hin, bückt sich für einen Wangenkuss, lächelt zufrieden, und weg ist sie. „Nun, Frau Rettungsdienst, oder ist Frau Doktor Ihr eigentlicher Titel?“

„Amélie reicht völlig aus.“

„Clarence.“

„Wie der schielende Löwe aus Daktari.“

Er sieht mich irritiert an.

Mein Gott, bin ich jetzt völlig verrückt? „Nur, dass Sie nicht schielen, ich meine …“

„Grundgütiger, falls das ein Kompliment gewesen sein sollte, da besteht durchaus Luft nach oben.“

Sein entzückendes Grinsen und der leicht anrüchige Unterton in seiner Stimme machen mich nervös. „Entschuldigen Sie, das war so nicht gemeint. Ich, ähm, kann mir nur so fürchterlich schlecht Namen merken, und eigentlich hätte das mein Gehirn für sich behalten sollen. Der Löwe Clarence hat die Herzen der Zuschauer ja auch im Sturm erobert, und dass sein Namensvetter im Begriff ist, das Gleiche mit mir anzustellen, behalte ich für mich.“

Schwallartig lacht er laut. „Haben Sie aber nicht.“

Ich weiss nicht, wie mir geschieht, als er seine warme Hand freundschaftlich auf meine Schulter legt.

„Wollten Sie nun die Eroberung der Zuschauerherzen und mich in derselben Rolle, wenn es um Ihr Herz geht, für sich behalten, oder nicht?“

Mein Gott, ich hatte es tatsächlich laut gesagt!

„Apropos Herzen, Sie haben drei Minuten, um den Heile-Job zu Ende zu bringen, bevor meine Patenkinder das tropfende Eis auf ihrer Terrasse verteilen.“

Seine wunderschön geschwungenen Lippen, die feinen Sonnenfältchen um seine Augen, seine unglaubliche Präsenz, lassen mich zurückschrecken, und ich reiche ihm die Prinzessinnenpflaster.

„Sie übernehmen den Job nicht?“

„Ich wollte die Kleine nicht enttäuschen.“

„Dafür enttäuschen Sie jetzt lieber mich?“

Ich werde unruhig. „Ach, kleben Sie es irgendwo auf.“

„Zweieinhalb Minuten.“ Er greift nach meinem Handgelenk und umfasst es zärtlich mit seinen Fingern. Vorsichtig zieht er mich ein Stück näher heran.

Einmal mutig sein, einmal gegen die Regeln des gesunden Verstands handeln. „Wenn Sie Ihr Shirt etwas runterziehen könnten.“

Er gibt meine Hand frei und ist folgsam.

„Die Insicura jugularis.“ Ich tippe mit dem Zeigefinger meiner rechten Hand vorsichtig auf den Knochen unterhalb vom Ende seines Halses. Es gefällt mir, dass sich die winzige Hautstelle unter meiner Fingerspitze seidenfein anfühlt wie der Stoff meiner Pyjamahose, wenn ich sie aus dem Wäschetrockner grabe. „Quasi der Anfang des Brustbeinknochens“, erkläre ich und blicke zu ihm hoch. Ich bewundere, dass er der Besorgnis in seinem Blick Einzug gestattet wie die Menschen im Krankenhaus, wenn sie um ihre Liebsten bangen. Mit dem Zeigefinger meiner linken Hand streiche ich langsam an seinem Brustbein entlang. „Der Prosessus xiphoideus, auch Schwertfortsatz genannt. Exakt in der Hälfte dieser Strecke, linksseitig in der Brust, befindet sich der Mittelpunkt von Ihrem Herz.“ Darauf platziere ich meine Fingerspitze. Ein kleiner Stern ziert die Hautstelle. „Die Prinzessinnen sollen den Herze-Heile-Job schliesslich am richtigen Ort verrichten.“

„Hinfallen, Aufstehen, Krone richten, Weitergehen.“ Es imponiert mir, wie er den Aufdruck des Pflasters gefasst und deutlich gegen meine Stirn flüstert und sich dabei nicht zu verstecken versucht. Über Kreuz klebe ich die Prinzessinnen auf den Stern. Mich fasziniert, wie er ein Urvertrauen in mir weckt, sodass ich meine flache Hand zärtlich gegen seine Brust drücke.

Seine Hände greifen nach meinen Hüften, und er zieht mich ein winziges Stück näher an seinen Körper. Es fühlt sich an, als vibrierte die Luft zwischen uns. Unterwartet gibt er mir einen Schubs und wirbelt mich wie auf einem Karussell mit einer geschickten Bewegung um die halbe Achse. Seine Arme greifen von hinten um mich herum. Zielsicher platziert er seine Rechte exakt an der Stelle meines Herzens, der Daumen seiner Linken verharrt anständig unterhalb vom Bügel meines BHs. Ich fühle die Wärme seiner Wange an meiner, seine Bartstoppeln kitzeln. Ich lasse mich gegen seinen Brustkorb fallen und halte seine Arme mit meinen Händen fest.

„Und nun, Frau Rettungsdienst. Was halten Sie von einer Mensch-ärgere-dich-nicht-Partie heute Abend auf unserer Terrasse? Uns fehlt noch eine Spielerin.“ Er atmet tief ein. „Oder in meinem Fall, eine Frau, mit der ich mich verbünden kann.“