Wissen Sie, mit der Kinderfrage ist das so eine Sache. In den Köpfen vieler Mitmenschen scheint fest verankert: Pärchen, verheiratet, in den Dreissigern, die müssen Kinder haben oder zumindest wollen. Dabei denken die Kinderfragesteller dummerweise auch wirklich keinen Zentimeter weiter über den engstirnig gezogenen Klischeezaun hinweg. Der Gedanke, kinderlos weil unfruchtbar, ist tief im Gehirn weggesperrt. Unabhängig davon, ob Sie nun keinen Nachwuchs wollen und überglücklich damit sind, oder Sie biologisch gesehen nicht dazu in der Lage sind und damit zu kämpfen haben, oder von der Natur einfach nicht den Segen bekommen und trotzdem ein erfülltes Leben führen- eins haben wir Kinderlose alle gemeinsam: Wir müssen uns ständig erklären. Die gute Nachricht vorweg, die Fragen und bissigen Kommentare werden weniger, mit der Zeit jedenfalls. Dies allein nur schon deshalb, weil Sie graue Haare und Falten bekommen werden. Die schlechte Nachricht, es gibt keinen brauchbaren Ratgeber in Buchform, wenn Sie noch nach der schlagfertigen Antwort suchen und Ihnen die Lust auf gesellschaftliche Anlässe vergangen ist, weil Sie immer mit diesem Thema konfrontiert werden. Auch werde ich Ihnen keinen Ratgeber schreiben, aber ein paar Gedankenanstösse und Anekdoten kann ich als „Trösterli“ liefern.

Gleich warnen muss ich Sie zwangsläufig vor dem Typ: „Du hast ja gar keine Kinder.“ Das sind keine Fragesteller, sondern Feststeller, und diese Gattung weiss, dass Sie keinen Nachwuchs haben, und beobachtet Sie vermutlich schon lange heimlich. Diese Kostgänger werden sich nicht mit einem simplen „Nein, ich habe keine Kinder“, zufrieden geben. Nö, die wollen das Warum erfahren. „Vielleicht kann ich keine haben, vielleicht will ich keine haben, oder ich kann keine haben und bin trotzdem glücklich. Such dir eins davon aus.“ Rumps, ich kann Ihnen garantieren, danach folgt Stillschweigen und Sie können sich wieder auf Ihr Cüpli konzentrieren.

Zu den Belehrenden und Aufschwatzenden, die sich ständig in der Pflicht sehen, Ihnen erklären zu müssen, warum Kinder ach so toll und unverzichtbar sind. „Ich habe erst begriffen, was wahre Liebe ist, als ich mein Kind in den Armen hielt.“ Autsch, das ist keine Ohrfeige, sondern die Faust mitten ins Gesicht. „Lass das bloss nicht deinen Partner hören, ich könnte mir vorstellen, der ist wirklich angepisst, wenn er deine Aussage genau analysiert und ihm schlussendlich ein Licht aufgeht.“ Dazu hochgezogene Augenbrauen in der Stirn und ein sarkastischer Seufzer, das wirkt garantiert. „Ich brauche all den Luxus nicht mehr und verzichte gern, denn ein Kinderlachen entschädigt mich für alles.“ Nicken Sie und bewahren Sie Ruhe, denn diese Aussage ist korrekt. „Ich muss ja gar nicht verzichten, also brauche ich auch kein Kinderlachen, das mich entschädigt. Denn dort, wo es nichts zu verzichten gibt, gibt’s auch nix zu entbehren und folglich nicht zu entschädigen.“ Ein harter Fall, bei dem Sie entweder in eine vulkanartige Verbalexplosion ausbrechen können oder Sie schauspielerisches Talent beweisen müssen: „Wer keine Kinder hat, hat den Sinn des Lebens nicht begriffen.“ Die Radikalantwort. „Vielen Dank, dass ich in deinen Augen ein Vollidiot bin und all die Hunderttausende anderer Erdenbürger auch, die entweder biologisch dazu nicht in der Lage sind, der soziale Status es nicht zulässt, oder noch schlimmer, nicht den Partner fürs Leben gefunden haben. Aber ich, ich mache dir gerne den Vollhonk, wenn du dich damit besser fühlst.“ Richtig vor den Kopf stossen können Sie diese „Attackeure“ allerdings mit einem weinenden Ausbruch, einem Wimmern und Schniefen durch die Nase: „Mir ist es nicht vergönnt!“

Die seltenste Form der Fragesteller, die immer höflich, mit der notwendigen Portion Respekt und nicht inmitten einer grossen Gruppe agiert. „Darf ich fragen, warum du keine Kinder hast?“. Diese Menschen sollten Sie mit der Wahrheit belohnen. Denn diese Menschen werden Ihnen auch als Eltern wahre Freunde sein.

 

Die Kinderfrage: Best of für Kinderlose von Angela Suter erschien in der Bierglaslyrik Nr. 34