„Ich habe die erste Lebenshälfte wohl langsam hinter mir.“ Dieser Spruch liegt bei meinen fünfunddreissig in greifbarer Nähe und wirkt nicht mehr so arg befremdlich, wie noch in den Zwanzigern. Jeweils daran erinnert werde ich auch im Dezember, wenn ich meinem strikt festgelegten Ritual folge. Übers Jahr gesammelte Erinnerungsstücke verstaue ich in einer Box. Zwischen Tagebüchern, Postkarten, Bierdeckeln, Zuckertütchen, Quittungen und alten Liebesbriefen verschwindet ein weiteres gelebtes Jahr, und ich ertappe mich dieses Jahr dabei, wie ich völlig besessen in Erinnerungen schwelge. Mir wird bewusst, dass meine Box eine wahre Fundgrube an gebrochenen Herzen und Männerleichen beinhaltet. Und darum, aus gegebenem Anlass, sehe ich mich verpflichtet, eine Abrechnung zu erstellen.

 

Ich rieche die Sommerwiese noch heute, kitschiges Abendrot untermauerte die Szene, der Traum eines jeden zahnspangengeplagten Teenagers, mein erster Zungenkuss. Ein Blondschopf namens Dario X., seinen Nachnamen habe ich aus purem Selbstschutz verdrängt. Feucht und aufregend, er war insgesamt ein anständiger Lehrmeister. Zwei Wochen später hat er mich mit den Worten: „Das war ein Mitleidskuss, weil du noch nie geküsst wurdest“, zum Abschuss freigegeben. Vielen Dank, du Depp! An besagtem Tag habe ich mich geweigert, ihm noch länger heimlich Zigaretten zu besorgen, der wahre Grund, wie ich später erfahren musste. Unkenntlich wütendes Gekritzel in meinem Tagebuch bleibt mir als Andenken.

 

Mein erster „richtiger“ Freund war Marco F., grundsolide, herzensgut, pechschwarz glänzendes Haar, und definitiv das gewisse Etwas. Uns Frauen wird ja öfters unterstellt, wir würden lieber Ärsche rauspicken, die uns wie Dreck behandeln, mit sechzehn auch eins meiner Laster. Aufregende Küsse hinter einer Lagerhalle und seichtes Fummeln bei kaltem Winter, später habe ich ihn wie eine Grande Dame abserviert: „Ich wünsche mir wirklich für dich, dass du eines Tages die Frau triffst, die dich so liebt, wie du sie, denn du verdienst es, aber ich werde diese Frau nicht sein.“ Bam! Und da war ich noch nicht mal volljährig. Rückblickend tut man so etwas nicht, jedenfalls nicht dermassen grausam. Von ihm ist mir eine Geburtstagskarte mit Nilpferd vorne drauf geblieben: „ZumGeburtstag wollte ich Dir die schönste Sache der Welt schenken, aber die Post hat mich nicht abgestempelt!“ Damals als Affront betrachtet, sah ich Anfang zwanzig ein, lieber Marco F., du hattest Recht.

 

Für diese gemeine Aktion wurde ich vom Universum nur wenige Monate später abgestraft. Jonas T., da war ich erst recht von    überzeugt, er sei jetzt ein „richtiger“ Freund. Grundsätzlich ein anständiger Kerl aus pädagogischem Elternhaus, jedoch mit zu vielen Flausen im Kopf. Ich mochte seine Küsse nicht, wenn er getrunken hatte. Sie kennen das, wenn Sie den Boden feucht
wischen und vor lauter Tagträumerei den Lappen nicht richtig auswirren, es „pflotscht“ und spritzt, so in etwa. Ja, ich war damals schon ein aufrichtiger Zeiger. Ich wartete mit meinen Eltern, Schwesterchen und den Grosseltern vor meiner Geburtstagstorte, aufgetaucht ist er nie. Am Abend ein kurzes Telefonat, es sei aus. Liebe Eltern, bringt eurem Nachwuchs doch bitte bei, niemals
macht man an einem Geburtstag, kurz vor, oder an Weihnachten Schluss, überhaupt sind die Feiertage tabu!

 

Mit meiner Familie zog ich vom Kanton Zürich in den Weisse-Socken-Kanton. Fasnacht, tabulos, so ganz anders als im „da-schint-dänn-d-Sunnä-Kanton“, Oliver L. war meine „Zürischnurre“ egal. Auf den ersten Blick ein Kerl von Welt. Ich sass schon beim ersten Date zum Abendessen bei Schweinebraten und Erbsen am herrlichen Familientisch, idyllischer hätte es nicht sein können. Allerdings ist ein junger Mann, der weinerlich einen Schuhkarton mit Erinnerungen an seine Ex dem Date zeigt, sehr erschreckend. Noch bevor es anfing, war es auch schon vorbei, und ich habe zum Dank einen handgeschriebenen Brief mit angedrohten Selbstmordabsichten erhalten. Mein Gott, war mir das peinlich, meine Eltern haben sich sofort eingeschaltet. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe ihn auf Facebook gefunden, Oliver scheint glücklich, und ich halte noch immer die verbrannten Schnipsel in einem Couvert gefangen.

 

Es folgte ein Hoffnungsschimmer am Horizont, Dominik Sch., einer dieser verboten gutaussehenden Typen. Gross gewachsen, definierte Muskeln, Blondschopf, eben ein Augenschmaus. Innert eines Abends mauserte er sich als bodenständig gesprächiger Handwerker zu Papis Liebling. Schnell fühlte ich mich aber von so viel Glück erdrückt. Als er an prominenter Adresse in Zürich in überquellender Kundenhalle an meinem Bankschalter mit einem Strauss Blumen auftauchte, setzte ich zum Rückzug an. Dominik,
falls irgendwo in deiner Fundgrube noch ein Paar dunkelblaue Baggy Pants von Uzzy rumgammeln, ich würde sie gegen ein
Es-tut-mir-schrecklich-leid-Bier zurücknehmen und in meiner Fundgrube verstauen, denn dort gehört sie eigentlich hin.

 

Ja, ich stand stand damals auf die bösen Typen mit den Baggy Pants. Sie wissen schon, wo die Unterhose immer schön hinten rausblitzt. Aber nicht so widerwärtig wie heute, wo der Hosenbund in der Kniekehle steckt. Zugegeben, ich gaffe diesen Hosen manchmal auch heute noch hinterher, allerdings geniessen diese Gattungsexemplare bei meinem Alter Welpen-Schutz. Ronny X., auch eine solche Hose. Wunderschön markantes Gesicht, quasi der Edward-Cullen- Twilight-Typ der späten Neunziger. Und dieser Mann konnte tanzen, ein unvergesslicher Hüftschwung. Kennen Sie den Spruch: Sieh dir einen Typen in der Vertikalen an, und du weisst, was du in der Horizontalen kriegst? Nicht? Achten Sie sich, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Ronny X. war mein beinahe „Erster“. Und dieser Kerl konnte Küssen. Herrjeh, wenn es darum ginge, den besten Kuss zu definieren, schlüge dieser Typ meine Fundgruben-Leichen um Längen, aber verraten Sie’s bloss niemandem. Abserviert hat er mich nach drei Wochen per Münztelefon während der Weihnachtsfeier in der Bank. Begründung: „Zu unerfahren“, und wir wären wieder bei den Feiertagen!

 

Es folgen ein paar kurz gehaltene Tagebucheinträge. Flavio T., Skateboarder mit Schalk im Nacken. Nett, wenn er in den Sommerferien nicht jeden nächstbesten Bikini angebaggert hätte. Mirko X., der zu klein geratene Wicht, der sich selbst ganz gross sah. „Du könntest etwas wilder küssen, tun, dingend, und das.“ Deutsche Sprache, schwere Sprache, selbst für Eidgenossen. Er liess mich so kalt wie die knapp über Null Temperaturen. Mehr als meine Wollmütze auszuziehen war nicht drin, und er somit raus. P. W., auch genannt: der mit dem Hang zum Psycho, hübsch aussehend und aus gutem Haus. Es folgte die Anzeige auf dem ländlichen Polizeiposten, noch so eine Episodedie ich ohne die Unterstützung meiner Eltern und Schwester nicht überstanden hätte. Und von da an hatte ich die Schnauze voll. Blind für gute Typen und nicht greifbar für schlechte pflügte ich mich massakerartig durch die Männerwelt. Ein Kuss hier, ein Kuss da, aber auf keinen Fall mehr und schon gar nicht Telefonnummern tauschen.

 

Schutz fand ich bei meinen homosexuellen Freunden, eine der besten Zeiten in meinem Leben und gleichzeitig ungemein bereichernd. Daniel M., ich gerate auch jetzt noch ins Schwärmen. Wildes blondes Haar, das in alle Richtungen von seinem Kopf abstand, markantes Gesicht, blaue Augen, stilvoll gekleidet, anbetungswürdig charmant, witzig, Gentleman aus Überzeugung,
gekoppelt mit einem dreckigen Lachen. Er war der Typ Mann, den sich Frau wünschte. Sie ahnen es, als Sperrzone deklariert, da schwul. Wir teilten wunderbar durchtanzte Nächte und Morgenstunden miteinander, bis zu jenem lauen Sommerabend. Auf
dem Rückweg von einer Benefizveranstaltung hatte ich mich bei ihm untergehakt. Sein bisexuelles Outing gegenüber mir, und das Geständnis seiner Gefühle für mich brachen mir das Herz. Es beherrschte mich nur noch ein Gedanke: Wenn es hart auf hart kommt, kannst du mit einer anderen Frau konkurrieren, aber du hast nichts Hartes in der Hose und wirst auf der ganzen Linie
verlieren, wenn ein andrer Kerl ins Spiel kommt. Rückblickend bereue ich meine Entscheidung nicht, ihn abgewiesen zu haben. Ich bereue nur, dass ich ihm nicht einen Kuss gestohlen habe, denn dieser hätte den Ronny X. garantiert abgelöst.

 

An Sergio D. erinnere ich mich wirklich dankbar zurück. Er war der unglaublich süsse Typ, der mir mit seinem Humor und Charme die für immer verloren geglaubten Schmetterlinge zurück brachte. Ich hatte den Glauben an die Männerwelt dank ihm wiedergefunden, auch wenn er damals eine Blondine hatte. Er war der gute Freund ohne Extras an meiner Seite. Naiv und  unvorsichtig geschah das Unvermeidbare, das ich nicht vermeiden wollte. Unser Experiment dauerte einen Abend lang, küssend, Händchen haltend, innig umarmend durch den Nachtclub. Am nächsten Morgen schlug ich hart auf dem Boden auf, denn trotz allem Guten war der Zauber verflogen, und ich um einen treuen Freund ärmer.

 

Songs von Outkast kann ich auch heute noch nicht hören, ohne mich dabei an jene Momente mit Patrick R. zu erinnern. Wenn Sie Wert darauf legen, der erste wirklich richtige Mann an meiner Seite. Unsere gemeinsame Geschichte auf den Punkt gebracht: Wir konnten nicht ohne einander, aber schon gar nicht miteinander. Bis dato hatte ich mir in meinem ganzen Leben noch niemals dermassen die Augen aus dem Kopf geheult, wie als er mich abservierte. Unglaublich wütend lief ich freiwillig mitten in der Nacht eine Stunde lang nach Hause. Im Industriegebiet hatte er mich abgefertigt, und ich jeden verdammten Baum über Land umarmt, der mir in die Quere kam. Die Ironie am Ganzen: Auf meinem CD-Player spielte zufällig, in der Endlosschlaufe, „It‘s gonna be me“, von *NSYNC.

 

Mein damaliger Chef hatte mich vorgewarnt: „Der gutaussehende Typ, der dort hinten im Glashaus sitzt und dir gleich die Kontoauszüge ausdrucken wird, der ist wirklich eine Nummer für sich. Nimm dich in Acht.“ Nachträglich bin ich sicher, dass mein Chef mich absichtlich neugierig machte. Denn ich trug allmorgendlich unübersehbar meine weinerlichen Schlafspuren von der Industriegebiet-Trennung im Gesicht. Roland W., besagte Nummer für sich, händigte mir die Auszüge mit den Worten „Läck, händ Sie damals scheisse usgseh uf däm Foti“ aus. Er zeigte mit abartigem Grinsen auf meinem Personalausweis das Bewerbungsfoto. Das Eis war gebrochen, und das Geplänkel nahm seinen Anfang. Er, Spassvogel aus Leidenschaft, und ein Mann, der mir verbal so etwas von die Stirn bieten konnte, dass ich ihn zwischendurch beinahe hasste. Kurz bevor wir eine Chance hatten, stellte sich Patrick R. Steinchen werfend in der Nacht unter mein Fenster. Ein dummer, wirklich törichter Fehler. Geblieben ist mir von Roland W. ein Brief aus dem Militär mit den Zeilen: „Jetzt stell dir vor, mir wärid zäme, dänn wered en guete Maa und en no besseri Frau weniger ume.“

 

Aus zerbrochenen Tellern lässt sich eben schlecht Suppe löffeln, eine Erkenntnis, die ich nach der zweiten Abfuhr von Patrick R. lernen musste. Ein Trost nach der erneuten Niederlage bot mir Rico Z., wenn auch unwissend. Seine lebensfrohe Art, die unglaublich faszinierenden Augen, sein ansteckendes Lachen und sein Naturell, liessen mich die Männerwelt mit anderen Augen
sehen. Dass ich mich in ihn verknallte, aber selbst zu kaputt war, habe ich ihm nie gestanden, tue es aber jetzt. Vielen lieben Dank, Rico Z., du wirst immer einen Stein bei mir im Brett haben.

 

Wäre ich dem zerbrochenen Teller trotz einer Wir-steigen-nur-miteinander-indie- Kiste-Beziehung treu geblieben, und hätte ich mich nicht gegen den Rat meiner Mutter an besagtem Abend gestellt und in die Disco aufgerafft, hätte ich niemals meinen heutigen Mann kennengelernt.

 

Die Männerabrechnung von Angela Suter erschien in der Bierglaslyrik Nr. 33 Sonderausgabe