Mein Grösi, damals das Telegramm als Novum betrachtet und das erste Kurbeltelefon mit staunenden Augen bedient. Ich habe miterlebt, wie sie am endlos scheinenden Kabel vom Wandtelefon durch die bescheidene Stube getigert ist, dabei mit ihren Finken regelmässig über das Eselsohr des Teppichs gestolpert, und immer artig das Telefongespräch mit „Bhüäti Gott!“ beendet hat. Zur endgültigen Überforderung trieb ich sie mit dem Enkelinnen-Sicherheitskauf von einem Senioren-Natel. Sie wissen schon; Tasten so gross wie eine Traube, Kurzwahlspeicher und den peinlichen „Umhängeplämpel“ für den Hals. Kaum war ich zur Tür raus, hat sie die neue Errungenschaft dem ultimativen Härtetest unterzogen. Dem netten Polizisten erklärt, dass sie den Worten ihrer Enkelin keinen Glauben schenken kann, nun aber die Gewissheit hat, die Polizei sei auch wirklich am anderen Ende der Leitung, wenn sie die Eins drücke. Wie vorgesehen auf sich getragen hat sie das Ding nie, sondern brav am Schieber vom Kachelofen aufgehängt und auf Nachfrage erklärt: „Es soll ja nicht kaputtgehen.“

Mein Papi, damals stolzer Besitzer des ersten Durchschnitts-Natels, Marke „Es sprengt dir die Hosentasche wenn du es reinsteckst“, hat mit der Moderne lange Schritt gehalten, bis er sich ein Smartphone gönnte. Da wir dasselbe Modell besitzen beginnt er das Gespräch jeweils so: „Tochter, hattest du das auch schon…?“ Wann immer ich kann, stehe ich ihm natürlich mit Rat und Tat helfend zur Seite, auch wenn ich mich manchmal wirklich frage wie man so viel mit nur einem Knopfdruck, pardon, Displaytipper zerstören kann. „Ich habe da etwas gedrückt, und da waren all meine Fotos weg“, erklärte er panisch am Handy, nachdem er mich zuerst mit der Stummschaltung aus Versehen mit grässlicher Musik zu gedröhnt hatte. „Aber dann habe ich beim ‚Gugel‘ alles wiedergefunden, das ist doch gut so, oder?“

Ich frage mich, wann genau mich der Schlag der Überforderung treffen wird und male mir meine Zukunft aus. Leicht vornübergebeugt werde ich vor der Haustür stehen. Skeptisch, und der festen Überzeugung der Irisscanner verschlechtere meine Sehkraft, werde ich mein Auge widerwillig gegen die Tür pressen. Ein Warnton erklingt, damit meine Katzen aus dem Eingangsbereich verschwinden, ja ich werde auch im hohen Alter noch Katzen besitzen. Kaum eingetreten, gleitet die Schiebetür des Wandschranks automatisch zur Seite, ich muss mein Jäckchen, ja Grösis tragen Jäckchen, nur an einem Haken befestigen, das Aufhängen übernimmt der intelligente Schrank, obwohl ich der Meinung bin, ein Gastarbeiter verstecke sich darin. Artig schlüpfe ich aus den unspektakulär weiss vergilbten Gesundheitslatschen. Ich müsste es nicht, denn der Boden reinigt sich mehrmals wöchentlich geräuschlos über Nacht von selbst. Aber ich tue es, denn so hat man es meiner Generation beigebracht.

Empfangen werde ich von meinem Hausroboter, ähnlich „Jarvis“ aus Ironman. Ich nenne ihn Otto, oder vielleicht doch James? Als er mich ermahnt, ich hätte mit dem Backen und Verzehren der Schokoladentorte nach Grösi-Rezept anfangs Woche sämtliche Weichen für eine altersgerechte Folgediät in den kommenden sieben Tage gestellt, beschimpfe ich ihn als „Dummbatz“. Er informiert mich, dass mein Mann in der Garage an seinem Motorrad aus dem Jahr 2015 rumklempnert, die Ersatzteile kaum noch zu beschaffen sind und ein Loch in unsere monatliche Rente fressen werden: Die AHV gibt’s übrigens längst nicht mehr. Ich erinnere mich an mein Grösi: „Spare in der Zeit, so hast du in der Not.“ Und ich erinnere mich an meinen Papi, wie er Mamis Velosolex in den Achtzigern frisiert, im Pensionsalter aufgefrischt, und mit kugelrundem schwarzem Helm damit rumgetuckert ist. Ich bitte „Dummbatz“ höflich, die Tür in den Garten zu öffnen, als mir eine Hinweisschlacht entgegenspringt. „Sie sollten sich in der Mittagssonne nicht nach draussen begeben, das Ozonloch befindet sich direkt über ihrem Garten, das Hautkrebsrisiko beträgt sechzig Prozent, wenn Sie sich länger als drei Minuten im Freien aufhalten.“ Insgeheim hoffe ich auf einen Sonnensturm, der „Dummbatz“ für mindestens eine Woche lahmlegt. Ich ziehe eine Schachtel aus meinem „Einkaufswägeli“, gehe trotz heulender Warnsirene nach draussen, grabe ein Loch im Garten, stecke den Kopfsalatsetzling in die Erde, drücke fest an und giesse mit der seit Jahren vergriffenen grünen Kanne eigenhändig. Genauso, wie es mein Grösi bis zu ihrem Tod getan hat, genauso wie es Mami und Papi diese Woche getan haben, genauso wie ich es nach meinem Urlaub tun werde.

 

Früher, Heute, Irgendwann von Angela Suter erschien in Bierglaslyrik Nr. 30  Juli 2015