Neulich, Tatort Weiberabend, Sie wissen schon, schwerer Rotwein auf dem Tisch, schrilles Gekreische in der Gartenlaube, Witze über Männer, die nur Frauen zum Lachen bringen, ergo glücklich sein. Die bescheidene Mineralwassermenge zwischen dem Valpolicella drückte auf meine Blase, und ich huschte drinnen am Junior meiner Freundin vorbei. Gebannt starrte er auf die Glotze und bewunderte Shaquiri im roten Dress. Auf dem Rückweg brachte ich es nicht übers Herz, achtlos an ihm vorbeizuziehen. Er weiss, dass ich mir die Spiele der Nati gern anschaue, und so setzte ich mich zu ihm. Der Junge, eins dieser Traumkinder, um die man Gott als Eltern in seinen Gebeten anflehen sollte. Kennt „Grüezi, Danke vill Mal, Ade“, einfach grundanständig. Keins dieser AK’s, wie ich die Arschlochkinder abgekürzt beim Einkauf flüsternd anzische, wenn sie mir auf den Wecker gehen. Noch schlimmer, gegen mich rennen, mir die Zunge rausstrecken, oder einen hysterischen Dauerweinschreikrampf vor der Kasse zelebrieren, weil Mutter den Schokoladenkauf verweigert.

Urplötzlich, aus heiterem Himmel: „Ich werde in der Schule gemobbt.“ Ich, völlig baff: „Dein Mami hat es mal erwähnt.“ „Kinder können ganz schön gemein sein“, sah er mich niedergeschlagen an. „Weisst du, ich war auch eins dieser gemobbten Kinder, allerdings nannte man es damals noch gehänselt.“ Er strafte Shaquiri auf die Bank ab und starrte mich mit grossen Augen an, als wolle ich ihm einen Bären aufbinden. „Im Winter in den kalten Bachlauf gedrückt, die Schienbeine blutig getreten, Haare ausgerissen, es kam einiges zusammen“, teilte ich meine Erinnerungen. „Hört das jemals auf?“ Urplötzlich fand ich mich inmitten eines Gesprächs wieder, vor dem ich mich als kinderlose fürchte. „In der Oberstufe war ich etwas beliebter, vermutlich weil dem Hinterletzten gedämmter hat, dass das Leben kein Ponyhof ist“, sprudelte es aus mir heraus. „Ich kann dich aber beruhigen, spätestens in der Lehre wirst du gute Freunde fürs Leben finden, und zuschauen können, wie aus anderen Versager werden.“ Ich erkannte die Vorfreude in seinen Augen gekoppelt mit tausend neuer Fragen. „Kann ich jetzt schon etwas dagegen machen?“

Zugegeben, der Abbruch des Gesprächs schlich sich kurz als Option durch meine Gehirnwindungen, jedoch schien es mir dafür längst zu spät. Ausserdem verabscheue ich nichts mehr als Lügen, weil jene „Saugofen“ damit bei den Lehrern früher immer durchgekommen sind. Ungerechtigkeit, auch so etwas, dass mich an die Bluthochdruckgrenze bringt, denn als Kind dieser ausgesetzt, fährt es einem durch alle Glieder. Sollte ich ihn jetzt anlügen, Schönfärberei betreiben, oder ihm von „gemobbt“ zu „gehänselt“ Ratschläge erteilen? „Vermutlich haben es dir deine Lehrer auch gesagt, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen ist keine Lösung.“ Er nickte stumm und sah mich enttäuscht an.

Zum Teufel, mit diesem biologisch abbaubaren, politisch korrekten, liberalen Erziehungsmüll. Jetzt mal ernsthaft! Verstehen Sie mich bloss richtig! Mir ist bewusst, dass kein Elternpaar dieser Welt sich ein Kind wünscht, dass andere mobbt. Aber erklären sie einem Kind, das ungerechtfertigt ständig Opfer von Gewalt wird, dass Gewalt als Antwort keine Lösung ist. Konnte ich zulassen, dass dieser grundanständige Junge weitere Jahre seines Lebens damit fristen würde, sich vor der Schule zu fürchten? Schlechte Noten nach Hause trägt, nicht weil er etwas weniger gescheit ist, sondern sich schon fast in die Hose macht, wenn er den Schulhausplatz betritt? Womöglich einen lebenslangen Schaden davonträgt, weil diese Gemeinheiten einfach kein Ende nehmen? Sollte ich ihm ernsthaft die gleiche pädagogische Scheisse vorkauen, die für ihn, wie mich damals, völlig sinnfrei erschien? Mein Gewissen setzte zum Foul gegen die Lehrerschaft an. „Hau drauf“, sagte ich ernst. „Dein Gegenüber wird niemals damit rechnen, dass du dich wehrst, denn diese Kinder plagen dich schon so ewig. Lang mal so richtig zu, auch ich habe das so gemacht, obwohl ich nicht besonders stolz darauf bin. Judith habe ich ein gewaltig dickes Haarbüschel ausgerissen, sie ist heulend nach Hause gerannt. Und Pascal, dem habe ich so derb das Gesicht zerkratzt, dass er vermutlich heute noch eine feine Narbe davon auf seiner Wange spazieren trägt.“ Er nickte nachdenklich.

Zwei Monate später stellte er sich breit grinsend vor mich. „Ich hab’s gemacht“, verkündete er stolz. „Seither lassen sie mich in Ruhe, Danke.“

 

Hau drauf von Angela Suter erschien in Bierglaslyrik Nr. 32
November 2015