Das Buckeln der vielen Kartonschachteln vom Auto bis in den Lift treibt mir Schweissperlen auf die Stirn, und ich wische sie mit dem Handrücken weg. Ich japse nach Luft, als die Fahrstuhltür auf meiner Etage zur Seite gleitet. Damit mir das schwere Metall nicht noch eine blaue Delle in den Ellenbogen rammt, schiebe ich mit dem Fuss vorsichtshalber einen Karton an die Kante des Fahrstuhls.

Denn, in den vergangenen Monaten habe ich die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses schon fünfmal aufgesucht. Bei den diensthabenden Assistenzärzten bin ich mittlerweile als „Ungeschickte in Männerarbeiten“ zu zweifelhaftem Ruhm gelangt. Rücklings ziehe ich den Karton ins Treppenhaus, spüre, wie meine weite Leinenhose langsam nach unten rutscht, und höre ausgerechnet in diesem Moment Schritte.

„Frau Nachbarin, was haben Sie denn vor?“


Der scharfe Ton meines Etagennachbars hat mir gerade noch gefehlt. So durcheinander habe ich ihn noch nie erlebt, was vermutlich am Blitzer meines roten Höschens liegt. Schnell ziehe ich am Bund der Hose und versuche, mir die Scham nicht anmerken zu lassen. Ich kann mir weiss Gott Schöneres vorstellen, als ausgerechnet diesem Miesepeter meine eigentlich für Silvester bestimmte Unterwäsche zu präsentieren.

„Beruhigen Sie sich, Brombacher, alles mit der Hausverwaltung abgesprochen“, besänftige ich ihn und schwinge meinen Hintern zurück in den Fahrstuhl. Zwischen zwei Kartons ziehe ich an der eingeklemmten Plastiktüte, doch er lässt einfach nicht locker.
„Sie werden doch nicht etwa eine Reptilienzucht eröffnen?“ Er deutet auf die stümperhaft gestapelten braunen Schachteln, die zugegeben dem schiefen Turm von Pisa Konkurrenz machen.

Es würde mich nicht wundern, wenn hinter Brombachers verschrobenem, undurchsichtigem Naturell ein Phobiker ungeahnten Ausmasses steckt. Vermutlich ruft er seine Putzfrau sogar nach Mitternacht an, damit sie einen harmlosen Zimmermann von der Schlafzimmerdecke entfernt.

„Es ist nicht nett, Mitmenschen die Antwort zu verwehren“, presst er zwischen seinen Lippen hervor.
Ausgerechnet er will mich in Sachen Anstand belehren? Ich hänge die Tüte an meine Türfalle und gehe zurück in den Aufzug. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich mich bei den sieben Parteien im Block mit Butterzopf und einem Glas Honig einer echten Imkerei, nicht mit diesem gepanschten Zeugs, vorgestellt. Mit dem Bestechungsversuch habe ich um Verständnis gebeten, sollte mein Umzug den heiligen Samstagabend stören und sich bis in die späte Nacht hineinziehen – mit Ausnahme von Brombacher haben sich alle beschwichtigen lassen und mir sogar ihre Hilfe angeboten. Oberkorrekt ist er drei Minuten nach zehn auf meiner geblümten Schuhabtretermatte gestanden und hat mich zähneknirschend angehalten, das Löcherbohren und Nägeleinschlagen sofort sein zu lassen. Seither nenne ich ihn nur noch beim Nachnamen, und unser Verhältnis ist frostig. Wenn er mir jetzt dieses Vorhaben streitig macht, wird kein Eisbrecherkoloss dieser Welt unsere persönliche Antarktis daran hindern, bis auf die letzte Ritze einzufrieren.

„Mit dem Antworten haben wir es wohl nicht so, Frau Nachbarin.“

Ich verliere mich für einen winzigen Moment in den tiefen Sorgenfalten seiner Stirn, grabe meine Finger in den Karton und lasse spontan Gnade vor Recht ergehen.

„Keine Reptilien, keine Hausschweine, wie sie George Clooney hält, keine Vögel und mit Sicherheit keine Putzlappen.“
„Putzlappen?“
„Köter, die so klein und langhaarig sind, dass man mit ihnen den Boden feucht aufwischen könnte“, brummle ich und lasse dabei die Schachtel auf den Boden vor meiner Tür gleiten.

Sein Lachen dröhnt durch das Treppenhaus. „Sie können ja richtig witzig sein.“
„Merkwürdig, Sie können ja lachen“, quittiere ich seine spitze Bemerkung und registriere einmal mehr, wie wenig fantasievoll er in Sachen Mode doch ist. Sei es in der Tiefgarage, dem Waschkeller, bei den Briefkästen oder im Treppenhaus: Immer treffe ich ihn in pikfeinem Anzug mit perfekt sitzendem Windsorknoten um den Hals. Ausser an Tagen wie diesen, samstags gönnt er sich die massgeschneiderte Anzugshose, dazu ein weisses Langarmhemd. Morgen, sonntags, werde ich ihn auch nicht am Briefkasten in Jogginghose und Shirt erwischen, wie er die Zeitung aus dem schmalen Schlitz herausklaubt. Sein strenger Kleiderzwang, die eiskalt blauen Augen, die mich jeweils für Millisekunden durchbohren, und sein pechschwarzes Haar lassen ihn zum potenziellen Mitglied einer Schläferzelle mutieren. Sein akzentfreies Schweizerdeutsch zusammen mit den Hinweisen der Hausverwalterin, Brombacher soll einer der erfolgreichsten Patentanwälte von Bern sein, lassen mich jedoch diesen Gedanken schnell verwerfen. Zurück im Lift hebe ich den mittelschweren Karton hoch, als mein schiefer Turm in Schräglage gerät. Mit dem Reaktionsvermögen eines Jetpiloten springt Brombacher neben mich, stemmt sein Körpergewicht gegen die Kartons und grinst.

Mit dem Zeigefinger deutet er auf das Verpackungsetikett. „Katzen?“
„Ja, Katzen“, bestätige ich knapp und frage mich, womit er denn gerechnet hat? Vermutlich malt er sich bereits Horrorszenarien aus, dass meine Vierbeiner seine Ruhe stören könnten, und wird mich gleich über seine
Tierhaarallergie aufklären.
„Warum Katzen?“ Er weicht mit seiner Hüfte leicht zurück, damit ich mich ohne Körperkontakt an ihm vorbeizwängen kann. „Katzen“, wiederholt er aus dem Lift.
„Verteilte Streicheleinheiten beruhigen den Herzschlag, senken den Blutdruck und können durchaus als eine Art Therapeutikum angesehen werden“, verteidige ich meine Wahl.
Sein lautes Lachen breitet sich wie eine Druckwelle auf unserer Etage aus, und er gerät dabei mit dem schweren Karton in den Armen ins Wanken. „Ich werde Sie bei Gelegenheit daran erinnern, wenn die Raubtiere ihre Krallen an den Möbeln wetzen und mit den Gardinen Tarzan und Jane spielen.“
„Brombacher, Sie können ja auch witzig sein“, ich grinse. Was auch immer die vergangenen Minuten mit unserer inexistenten Beziehung angestellt haben, ich finde merkwürdigerweise Gefallen daran. Ich vermute, dass es an
der Tatsache liegt, wie Brombacher mich unerwartet überrascht, und ich mag Überraschungen. Sie bereichern das Leben und gehören zu jenen Momenten, an die ich mich auch Jahre später noch mit einem Grinsen gerne zurück erinnere.
„Nun schliessen Sie schon auf!“, fordert er mit den Einzelteilen des Katzenbaums in seinen Armen.

Kopfschüttelnd blickt er fünf Minuten später auf das Kistenchaos im Wohnzimmer. „Und Sie sind sich wirklich sicher, dass Sie nur zwei Katzen aus dem Tierheim holen?“
„Pro Katze ein Klo, streng nach Tierschutzverordnung. Pro Klo eine Sammelbox für, Sie wissen für was“, ich halte mir symbolisch die Nase mit den Fingern zu. „Grosser Kratzbaum, zwei Korbnester, Zimmerbrunnen,
Spielzeug, Fressschalen, Futter“, zähle ich weiter auf, als er mich mit dem Schraubenzieher in der Hand unterbricht.
„Akribische Planung hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut.“
„Und ich Ihnen weder Handwerkerqualitäten noch so etwas wie Hilfsbereitschaft.“ Ich widme mich der Inbetriebnahme des Zimmerbrunnens und versuche angestrengt, den Wasserschlauch durch die kleine Öffnung im Stein zu pressen, als er neben mir urplötzlich in die Aufrechte schiesst.
„Vielleicht liegt es einfach daran, dass Sie mir Angst einjagen.“
„Irrational“, murmle ich, überrascht von seinem unerwartet persönlichen Geständnis. Mit seiner sportlichen Figur überragt er mich um eineinhalb Köpfe, und sein dunkler Zweitagebart, den er ausnahmslos nur am
Wochenende trägt, ruft bei mir den Gedanken an die Schläferzelle wach. Verteidigend verschränke ich die Arme vor meiner Brust. „Das müssen Sie mir jetzt aber wirklich erklären.“
Mit einem Kopfnicken deutet er auf meine rote Hose. „Sie sind immer extrem bunt angezogen.“
„Ja“, lache ich, „das tut auch so furchtbar weh in den Sehnerven, und Sie kriegen bestimmt noch Augenkrebs davon. Ich bin Einkäuferin bei einer grossen Modeversandkette. Ein bisschen Farbe würde auch Ihnen gut
zu Gesicht stehen. Ich sehe da eine beige Bermudashort mit hellblauem Kurzarmhemd.“
„Sie haben für jeden im Wohnkomplex ein nettes Wort übrig.“
„Das nennt sich Anstand und Nachbarschaftspflege“, erkläre ich.
„Wir bewohnen als unangefochten jüngste Parteien im ganzen Quartier die teuersten Dachterrassenwohnungen. Auf den ersten Blick sind wir so verschieden und uns dann doch beängstigend ähnlich. Sie haben Ihrem Partner
den Laufpass gegeben, weil er Sie an Ihrer Karriere hindern wollte.“
Meine Muskeln versteifen sich, und ich brauche einige Sekunden, um zu begreifen, was er da soeben von sich gegeben hat. Brombacher ist in allem kontrolliert, und ich bezweifle, dass er unabsichtlich tief blicken lässt. Obwohl ich ihn kaum kenne, kehrt er gerade sein Innerstes nach aussen, und woher zum Teufel hat er diese Information? Bevor sich mein Blutdruck in sphärische Höhen verabschiedet, stoppt er mich mit erhobener Hand.
„An besagtem Tag habe ich Ihren Macker im Treppenhaus angetroffen.“ Er senkt seinen Blick auf den Werkzeugkasten.
Macker? Ich kann kaum fassen, dass ein erstes, nur halbwegs ungebührliches Wort seine Lippen gestreift hat, und bin umso mehr auf der Hut.
„Er hat geflucht wie ein Rohrspatz. Sie würden widersprüchliche Signale senden undsoweiterundsofort hat er sich enerviert.“
Ich bin fassungslos, fühle mich aber einmal mehr darin bestätigt, Philipp konsequent in die lange Liste meiner Expartner katapultiert zu haben. „Und das hat er Ihnen einfach mal so auf die Nase gebunden?“
„Vermutlich nur, weil ich ihn gefragt habe, ob alles in Ordnung ist.“
„Ich erkenne keinen Widerspruch darin, dass mir meine Karriere wichtig ist und ich dennoch gerne in einer Beziehung leben würde“, verteidige ich mich und dopple nach. „Und vervollständigen lasse ich mich schon gar nicht von einem Kerl.“ Ich kenne diesen Blick von Männern, irgendetwas hält Brombacher noch hinter dem Berg, und es macht mich nervös. Wenn mein Ex einem Fremden gegenüber schon in Plauderlaune war, will ich jetzt genau wissen, welche Hirngespinste er meinem Nachbarn in den Schädel gepflanzt hat. „Brombacher, nun rücken Sie schon raus mit der Sprache!“
„Sie würden in jedem Männerleben ein Schlachtfeld des Grauens hinterlassen und mutterseelenallein das Zeitliche segnen, warnte er mich.“
„Dieser Bastard!“, platzt es aus meinem Mund. „Noch heute Abend besitze ich zwei Katzen, und denen kann ich meinen ganzen Prunk vererben.“
„Können Sie auch mal ernst?“
„Natürlich.“
„Dann lassen Sie die Scherze!“
Ich kombiniere schnell und berücksichtige die Tatsache, dass Brombacher in seiner Zurückhaltung mehr Informationen von Philipp über mich erhalten hat, als ihm vermutlich lieb gewesen ist. Es ist ihm sichtlich unangenehm, weil er seinen Blick schon wieder auf den Werkzeugkasten richtet und dabei verlegen seine schlanken Finger knetet. „Was genau macht Ihnen denn nun Angst?“, frage ich ihn.
Ein lautes Stöhnen gurgelt seine Kehle hinauf, ehe er aufsieht und sich dicht vor mich stellt. „Es macht mir Angst, dass Sie genau mein Typ sind, Frau Nachbarin. Vom ersten Moment an, als Sie mit dem Korb voller
Butterzöpfe und Honig vor meiner Tür gestanden sind. Und auch, als Sie sieben Nägel eingeschlagen und drei Löcher in die Wand gebohrt haben, von viertel nach zehn bis elf.“
Meine Gedanken fahren Achterbahn, die Schlagfertigkeit über meine spitze Zunge entflieht, und Brombachers durchdringender Blick spornt mein Herz zu einem ungeahnten Klopfkonzert an.
„Ausserdem sind Sie im Begriff, sich zwei Katzen zuzulegen, während in meiner Wohnung Köbi die Tageszeitung zerfetzt und Louis seine Krallen am Koffer wetzt.“
Mein Repertoire an spitzen Bemerkungen wird durch diese Worte endgültig wegradiert. Mir bleibt nur darauf zu warten, dass sich der Kronleuchter aus der Deckenverankerung löst und mich zu Boden reisst.
„Verschieben Sie den Kauf der Katzen doch um eine Woche, und ich stelle Ihnen morgen beim Frühstück zuerst meine beiden Trunkenbolde vor.“
„Ich liefere Zopf und Honig“, stottere ich und umklammere den Schraubenzieher, den mir Brombacher entgegenstreckt.
„Fein, um halb zehn?“
Ich nicke.
„Übrigens“, er steht bereits auf der geblümten Schuhabtretermatte.
„Alexander.“
„Sofie.“ Ich lächle und winkte mit dem Schraubenzieher in der Hand wie eine Bekloppte, bis die Tür ins Schloss fällt.