Nennen wir es gleich beim Namen: Wenn mich die Moderne in den Schraubstock nimmt, ziehe ich mich in meine grüne Zufluchtsstätte zurück. Im Garten, zwischen Unkraut jäten und mit der Hacke auf den Hügel eindreschen, bleibt nicht viel von damenhaftem Benehmen übrig. Als Kind oft dem Papi in der Garage beim Werkeln und Fluchen zugeschaut, setze ich dann eben beim Schimpfwortgebrauch voll und ganz auf die Gleichberechtigung, wenn auch leise vor mich hinmurmelnd. Spätestens aber, wenn mich jemand in meiner wieder voll Entspannt-Phase seitwärts anpisst und folglich die Lunte an meiner persönlichen Dynamitstange zündet, wird’s laut und hässlich. Neulich, friedlich mit Rasensand und Handschaufel bewaffnet, kraxelte ich zwischen Hängerosmarin und Himbeerstauden umher, auf der gegenüberliegenden Strassenseite zwei Teenager. „War voll Yolo, die Aktion gestern“, sagte der eine und lachte tief. „Scheisse, schau dir die Alte an, was ist denn mit der kaputt“, hörte ich den anderen posaunen. „Mit mir ist gar nichts kaputt, ganz im Gegenteil, ich versuche mich von dem, was kaputt ist auf dieser Welt, nicht noch kaputter machen zu lassen“, brüllte ich laut. Ich sah an mir herunter und begriff. „Wenn du aber wirklich so auf Yolo stehst, dann empfehle ich dir Folgendes: Leg dich den ganzen Sommer ohne Schutz in die pralle Sonne, dann hast du bestimmt in spätestens zehn Jahren ein nettes Andenken in Form von Hautkrebs an deine stupide Yolo-Zeit.“

 

Zugegeben, hätten Sie an diesem Tag eine Wasserquelle neben mich gestellt, wäre ich in meinem Outfit die Büffelkuh am Teich gewesen, kombiniert mit Streetparade-Ansätzen im Gesicht, als Neonfarben noch trendy waren. Schon immer war ich weiss wie eine Wand, nur geht die Ozonschicht immer mehr kaputt, und das ist auch in den vergangenen Jahren nicht spurlos an mir vorübergegangen. Als Fünfprozentallergikerin auf Tageslicht mime ich quasi den Mini-Albino, ohne dass man es mir auf den ersten Blick ansieht. Irgendwann war ich es einfach leid, mir trotz Sonnencreme Schutzfaktor Fünfzig ständig die Haut minimal zu verbrennen. Auch vermischt sich das Zeugs so widerwärtig mit Schweiss und hält dann bei Gartenarbeit eben keine Stunde mehr hin. Die Tatsache, dass die Schweiz in Europa die Hautkrebsstatistik anführt, liess mich erst recht aufschrecken. Mittlerweile besitze ich eine ganze Schublade voll mit Lycras. Die zweite Haut gibt es in tollen Farben und Mustern, und Sie würden staunen: Langärmlig bei dreissig Grad im Schatten, eingepackt in einen winzig fein gelöcherten Hightech- Stoff, ist angenehmer als es auf den ersten Blick vermuten lässt. Sie erinnern sich an die Büffelkuh? Natürlich sitzen die Dinger an meinem Körper eben nicht wie an einer magersüchtigen Badenixe im knappen Bikini, die sich zwischen bauschigen Wellen in Topmodelqualität räkelt. Ohne Mithilfe vom Schönheitsdoktor kann man genetisch gesehen eben keinen Kardashian-Hintern und wohlproportionierte Brüste haben und gleichzeitig auf Storchenbeinen stehen. Na und, frage ich Sie? Immerhin befinde ich mich in meinem eigenen Garten, also was soll der Quatsch? Zusätzlich hatte ich noch den monströsen Flechthut Modell Wüstenprofilaxe auf dem Kopf. Und da war noch meine Kriegsbemalung auf Nase, Stirn und Lippen in Neonfarben. Können diese nichtweltoffenen Teenager ja nicht wissen, dass Zinkoxid-Pasten von Surfern in Australien dauerverwendet werden, genauso wie Lycras. Als Tourist werden Sie dort sogar ausgelacht, wenn Sie sich ohne die zweite Haut an den Strand wagen und keine Bemalung spazieren tragen beim Planschen in den Wellen. Eine verkehrte Welt, dachte ich mit der Gartenschaufel in der Hand. „Fuck Möchtegern-Yolo“, fluchte ich laut hinterher. Wenn schon Yolo, dann bitte auch alle anderen, die nur einmal leben, so leben lassen, wie sie es eben tun. Meine Gedankenspirale begann sich zu drehen, und ich staunte, was ein Begriff wie „kaputt“ in mir auslösen kann.

 

Ja, das verflixt grosse Ozonloch, ich musste etwas Gutes tun, und da stand ich also an meinem Experimentierhügel. Wissen Sie, mein Mann ist quasi der Anti-Christ zum Hobbygärtner. Am liebsten würde er jeden Grashalm mit Beton zuschütten, extra stark mit viel Zement angereichert versteht sich, damit auch wirklich kein Grün mehr hervorspriessen kann. Nicht, weil er den Garten hasst, nein er nascht auch leidenschaftlich von allem was dieser zu bieten hat, er will bloss keine Arbeit damit haben. Und wie das in einer richtigen Beziehung ebenso funktioniert, gehen auch wir Kompromisse ein. Ich habe den Experimentierhügel, und was gut kommt, findet seinen Weg früher oder später in den eigentlichen Garten. Ich erinnerte mich an die Zeit bei meinen Grosseltern. Während Grösi Louise die Stangenbohnen pflegte, weilte Opa in seinem Bienenhaus. Schon tragisch, dass erst ein Film wie More than Honey in den Wohnzimmern flimmern muss, bis ein Grossteil der Bevölkerung begreift, dass wir ohne die Bienen nicht ein Problem, sondern DAS Problem haben. Darum musste Lavendel sofort, expressmässig, unter Garantie, echter Lavendel „Angustifolia“ her, denn nur dieser ist für die Bienen reichhaltig an Pollen und Nektar. Ich vermass einen Teil des Experimentierhügels und zählte rund 50 Lavendel. Schnell putzte ich mir die Neonfarben aus dem Gesicht, denn ich konnte ja meine Gleichgesinnten im Gartencenter nicht auch noch schocken. In meinen Hausfrauenpanzer gestiegen, kam ich keine drei Kilometer weit, als mich das schlechte Gewissen von innen auffrass. Warum noch gleich fahre ich dieses monströse Ding mit 2.2 Liter Verbrennungsmotor? Und ich will mich ernsthaft über das klaffende Loch in der Ozonschicht beklagen? Eigentlich, so ganz tief in meinem Innern, würde ich ja liebend gerne einen Citroën Mehari fahren, ähnlich dem Kübelwagen, nur eben mit Karosserie aus Kunststoff. So ein niedliches Mobil in Grün, das Gleiche, in dem damals Louis de Funès herumgekurvt ist und mit seinen Gendarmen St. Tropez unsicher gemacht hat, und schon wieder lande ich beim Lavendel.

 

Aber dann schlichen sich die Bilder von üblen Verkehrsunfällen in meine Gehirnwindungen, die ich als Sanitäter einer Freiwilligenfeuerwehr manchmal zu Gesicht bekomme. Der Hausfrauenpanzer hat eben angenehm schön viel Blech rundherum, er vermittelt mir in der heutigen Zeit ein gewisses Gefühl von Sicherheit, auch wenn er eine verdammte Spritgluckse ist. Täten alle einen Wagen aus Plastik wie den Mehari fahren, ich würde keine Sekunde zögern. Nur wohne ich eben auf dem Land. In der Stadt kann man das an Promenaden ja immer gut beobachten, wie innerhalb von dreissig Minuten ein und dieselbe Bolide fünfmal die Hauptachse mit laut dröhnendem Motor passiert. Ich frage mich dann schon, wie es sein kann, dass ein Junglenker ein solch überzüchtetes Ding fährt, und mit wessen Geld bezahlt wurde. Auf dem Land wie hier aber da gehen die Jungspunde noch ganz anders mit den Raketen um, denn hier lässt es sich beschleunigen, und zwar so richtig fett. Man soll die Feste so feiern, wie sie fallen, auch so ein Ding, da wird schluckspechtartig gesoffen, für den überteuerten Alkohol in der schicken nahegelegenen pulsierenden Stadt ist die Kohle da, aber fürs Taxi nach Hause reicht es nicht. Das sind dann immer die hässlichen Sonntagszeitungsschlagzeilen, dass wieder irgendwo, irgendwer, sturzbetrunken in Selbstüberschätzung Unschuldige verletzt oder, noch schlimmer, in den Tod gerissen hat. Zum Migrationshintergrund bei diesen Unfällen sage ich jetzt gar nix ausser, dass unser Bundesamt für Strassen keine statistischen Ausführungen bezüglich Nationalität der Unfallverursacher öffentlich zugänglich macht. Dann eben doch den Hausfrauenpanzer oder gleich besser einen richtigen Panzer? Auf dem Parkplatz vom Gartencenter angekommen, entschloss ich mich, den Lavendelhügel zu verdoppeln, damit sich die Fahrt mit der Gluckse auch für die Bienen lohnt.

 

Auf dem Rückweg kreuzte ich die örtliche Tankstelle. Als Mittdreissigern bin ich nachts nicht mehr ständig mit dem Hausfrauenpanzer auf der Strasse, dennoch rege ich mich regelmässig über diesen Beleuchtungswahnsinn auf. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Tankstelle im Kaff von holländischen Wohnwagenfahrern dringend angesteuert werden muss, weil die trotz Navigationssystem auf der Autobahn die falsche Abfahrt erwischt haben und dann noch gute dreissig Minuten lang weitergefahren sind bis mitten ins Kaff, ist so etwas von verflucht unwahrscheinlich. Trotzdem leuchten die Tanksäulen in der Umgebung wie Weihnachtstannen. Gegenüber vom Dorfladen, entdeckte ich das örtliche Küchenverkaufsfachgeschäft. Auch so ein Unding. Blau beleuchtet, ragt die Werbung so hell wie Luke Skywalkers Schwert in die dunkle Nacht. Denken die ernsthaft, einer mit übermotorisierter Protzschleuder, von der Yolo-Party auf dem Nachhauseweg, wird dort übermorgen seine Küche kaufen? Der kauft das Ding frühestens in zehn Jahren, vermutlich per Internet oder via Videochat, dank Preisvergleichsdienst beim billigsten Anbieter, irgendwo in Timbuktu produziert, immer schön weiter die Wälder abholzen!

 

Der Tag hatte es echt in sich, oder es lag an dem Wort „kaputt“. Neben dem Dorfladen sah ich unsere Asylantenunterkunft, und nein, ich weigere mich, diesen Begriff politisch korrekt auszudeutschen. Natürlich wohnen dort Menschen, aber ich kann schliesslich nicht wissen, ob die alle dort drin einen bewilligten Asylstatus haben oder noch Asylsuchende sind. Bei Gelegenheit könnte mal irgendwer einen Begriff für diese gemischte Gruppe erfinden, danke! Die Anschläge von Manchester taten sich in meinem Gehirn auf, die schrecklichen Bilder aus Syrien, und ich sah die Asylanten auf der Treppe sitzen. Keiner, wirklich keiner kann mir sagen, dass das Leben diesen Menschen dort auf der Treppe Spass macht. Das sah ich in ihren Gesichtern. Auch wenn ich die aktuelle Flüchtlingspolitik in Europa nicht immer nachvollziehen kann, tun mir diese Menschen schrecklich leid. Schnell hetzte ich in den Laden, denn wenn mein Tag so weitergehen würde, täte alles Lavendel einpflanzen nix mehr nützen. Brav sagte ich „Grüäzi“. Ja so ist das eben auf dem Land, da kennt man den Filialleiter persönlich, und das mag ich. Es gibt mir ein gutes Gefühl, dass ein Grossteil der Produkte aus der Region stammt, kurze Transportwege, örtliche Betriebe unterstützen, wenig Einkaufstourismus. Ich lud die Lebensmittel in den Panzer, das Tor zur Garage von den Asylanten stand offen. Da stapelten sich Paletten voll mit Mineralwasser, aber das war nicht so ein Lokalwässerli, wie ich es in den Kofferraum zwischen die Lavendel gequetscht hatte, ohne Zweige abzubrechen. Nicht die günstige Marke, wie sie meine Eltern als Pensionäre kaufen, damit sie von kleiner Rente einigermassen anständig leben können. Nein, da standen hunderte Liter Luxusmineralwasser einer Französischen Quelle. Es gibt auch in einem Wohlstandsland wie der Schweiz arme Menschen, vielfach kommen die Pensionierten nur dank Ergänzungsleistungen über die Runden, wie meine Grosseltern damals. Ein Leben lang geschuftet, Selbstversorgung mittels Garten betrieben und sich alles vom Mund abgespart. Verstehen Sie mich jetzt bloss nicht falsch, ich mag den Menschen das Luxuswässerchen gönnen, aber das ist doch absoluter Behördenirrsinn, der schlussendlich aufs Fussvolk abgewälzt wird. Und würden dann noch bei einer in der Zukunft liegenden Gemeindeversammlung Sparmassnahmen bei Kindern oder der öffentlichen Sicherheit angekündigt werden, starte ich durch.

 

Ich musste meinen Kopf durchlüften, das Kaputt dringend loswerden, liess deshalb meinen Panzer stehen und ging die paar hundert Meter zu Fuss. Die Frau Posthalter, die täte den Sonnenschein zurückbringen, da war ich mir sicher. Sie ist nett, immer gut parfümiert und für einen kleinen Plausch zu haben. Ebenfalls fragt sie mich regelmässig und aufrichtig nach meinem Befinden. Und als ich Leseproben an die Verlage schickte, hat sie immer extra schöne Briefmarken aufgeklebt und einen messerscharfen Poststempel draufgeknallt. Ich rauschte durch die Tür ins Postamt, wollte mich schon in die Schlange stellen, als sich eine Frau mit dunkler langer Robe und Kopftuch nach mir umdrehte. Sie musterte mich von Kopf bis Fuss, und nein, es war nicht ein Blick im Sinn von „Schön, so-viele-Freiheiten-zu-haben“ „Vielen-Dank, dass-du-Steuern-bezahlst-und-ich-hier-sicher-bin.“ Nein, der Blick war mehr der „Ich-hasse dich, weil-du-so-rumläufst, was-fällt-dir-ein- Blick.“ Toll, vielen Dank auch! Damals, als ich mich in Dubai beim Zwischenaufenthalt extra in ein züchtiges Strickjäckchen gepackt und mir einen leichten Schal umgebunden hatte, habe ich die komplett verhüllten Frauen auf dem Klo bewundernd angestarrt. Und jetzt soll ich hier, wo ich lebe, so wie ich eben lebe, mein Lycra inklusive Null-Ausschnitt nicht tragen dürfen? Bei meinem Glück, wenn das mit dem Burkini-Verbot sich durchsetzt, werde ich demnächst am Strand ebenfalls gebüsst, sofern ich noch lange Hosen trage und die Kapuze des Lycras mir über den Kopf ziehe, wenn die liebe Sonne wieder durchs böse Ozonloch scheint. Und dort in Dubai, wo so viel Energie in Form von schwarzem Gold vorrätig ist, die auch meine Arschbacken im Winter warm hält, ja dort leuchten die Lichter ebenfalls rund um die Uhr. Dort gibt es nicht mal Ausschaltknöpfe fürs Licht im Raucherkabäuschen. Wozu auch, das Öl ist ja da, während ich Idiotin brav Energiesparlampen verwende. Kaputt, kaputt und nochmals kaputt.

 

Die Frau stand mittlerweile am Schalter der Frau Posthalter und schiss die Dame im gelben Hemd, die keiner Fliege etwas zuleide tun kann, in einem Gemisch aus irgendeiner Sprache, Englisch und Schweizerdeutsch zusammen. Meine Nerven! Und da war noch der Sommerfrauenurlaub, den meine Freundin und ich nach den Anschlägen in Paris vom Partystrand in Ibiza mit unkontrollierbarer westlicher Menschenmenge vergangenes Jahr ins beschauliche Flitterwochenlager nach Santorini verlegt hatten, aus purem Angsthasentum. Hätte mir in jenem Moment eine Übermacht das Angebot gemacht, mich für den Rest meines Lebens in den Dienst der Weltproblemlöserin mit Aussicht auf Frieden zu stellen, ich hätte es sofort angenommen, aber ein Angebot kam ohnehin nicht.

 

Zu Hause angekommen, ging ich gleich nach oben in die Galerie, setzte mich in den Lesesessel und wartete auf die schnurrenden Kater. Sie rieben ihre Köpfe an meinen Beinen, und mir dämmerte, dass einer allein die Welt nicht retten kann. Würde aber jeder, wirklich jeder Mensch auf unserer Kugel etwas mehr Gutes tun und im Gegenzug etwas weniger Schlechtes, würde es uns allen so viel besser gehen. Und was tun Sie morgen?