Mit der „Save the date“-Karte vor der Haustür beginnt mein ganz persönlicher Albtraum von Spiessroutenlauf. Wenn Sie glauben, alle Frauen würden panisch werden angesichts der Vorstellung, sich mit der Kleiderfrage auseinandersetzen zu müssen, dann müssten Sie mich in Aktion und im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte erleben. Ich freue mich von Herzen für das angehende Brautpaar, und gleichzeitig werde ich unsichtbar von der Angst angetrieben, nichts Passendes zum Anziehen zu finden. Die Vorstellung, in einem unspektakulär braunen Kartoffelsack die Feierlichkeiten zwischen lauter Schönheiten in glitzerndem Strass und zart fliessenden Stoffen zu verbringen, beschert mir schlaflose Nächte.

Bei solch feierlichen Anlässen werde ich mit zwei hartnäckigen Problemen konfrontiert. Ich besitze weder die Masse einer Schaufensterpuppe, noch sieht man mich in den klassischen Übergrössengeschäften. Ich bin weder Fisch, noch Vogel. Das Versprechen: „Wir finden für jeden etwas“, weckt grosse Erwartungen. Der zweite, zum Albtraum jeder Fachverkäuferin werdende Stolperstein ist: Ich weiss, was ich will und noch genauer, was ich auf den Tod nicht ausstehen kann.

Ich wünsche mir ein Kleid mit mindestens dreiviertel langen Ärmeln, in undurchsichtigem Stoff, jawohl! Ich verstehe wirklich nicht, warum meine Cervelat-Oberarme von der Industrie kläglich ignoriert werden. Ich gehöre zu jener Sorte Erdenbürger, die sich bereits im Frühling Faktor 50 auf den Körper schmiert, und besitze neuerdings ein Presswurst Lycra, damit ich wenigstens einmal ohne Sonnenbrand den Rasen mähen kann und mir der morgendlich klebrige Kampf mit der Sonnencreme erspart bleibt. Kein Mensch will vampirblasse „Chüngelränzä“ in einem Abendkleid sehen. Und kommen Sie mir bloss nicht mit Selbstbräuner! Diese Labortests am eigenen Körper habe ich alle durch, nach Gelbsucht aussehend inklusive.

Ein weiterer Balanceakt bei diesem Stressmarathon ist, dass die Verkäuferinnen einfach nicht zuhören wollen. Allein meine Aussage: „Ich bin wirklich nicht der Kleidchen-Typ“, lässt jeder von ihnen die Haare zu Berg stehen. „Das verstehe ich nicht“, lautet die fast schon beleidigte Antwort. „Welche Frau liebt denn keine Kleider?“, wird ordentlich weiter in der Wunde gestochert. Wenn ich als Bukett alle Farben aufzähle, die sich mit meinem Teint beissen, dann ist Schicht im Schacht. Selbst ein Mann erkennt auf den ersten Blick, dass Pfirsich und Orange an mir schmeckt, wie Bier gemischt mit Rotwein.

Ich wünsche mir ein Kleid mit V-Ausschnitt, jawohl! Ich muss Ihnen nicht erklären, dass weibliche Rundungen mit Brüsten einhergehen. Ich frage mich, warum ausgerechnet jenen, die darüber verfügen, ständig der Rundausschnitt blüht? Müssen wir denn das, was wir zu bieten haben, auch noch verstecken? Und ich spreche jetzt nicht davon, dass das Obst aus der Schale kullern soll. Überdecken, genau wie den Rest? In einer bauschig auftragenden Tüllwolke aus Rosa verschwinden lassen, damit wir so richtig schön das Merängge darstellen und selbst jenen mit falscher Brillenkorrektur ins Auge stechen? Oder noch besser, ordern wir doch gleich eine Zeltplane und lassen uns zum kugelrunden Heissluftballon umfunktionieren.

Die Vorstellung an die enge Garderobe in Grösse einer Gummizelle, löst bei mir noch keine Ausschläge aus. In den ersten „Kartoffelsack“ gesteckt, kriege ich jedoch Juckreiz. Entweder es zwickt und zwackt überall, oder ich japse nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen, dem engen Korsett sei Dank. Leider nützt alles Jammern nichts, denn auch ich will schön sein und dem Brautpaar meine Wertschätzung in Form von angemessener Kleidung unterbreiten. Mir dämmert: Wonach ich suche, werde ich nicht an der Ottonormalverbraucher-Kleiderstange finden. Wenn nicht zu diesem freudigen Ereignis, wann dann etwas tiefer ins Portemonnaie greifen? Gesagt, getan! Eine Schneiderin muss her. Die Dame war wirklich reizend am Telefon, und ich kann nicht genau sagen, warum, aber ich weiss, dass es mit ihr funktionieren wird.

Ach ja, anstelle von exzentrischen Schleifen, Strass, Schmetterlingen, Fell und Unmengen von Tüll, wünsche ich mir einen Stehkragen und zwei Hosensäcke. Wünschen Sie mir derweil Glück und der Schneiderin meiner Wahl, Geduld und gutes Gelingen.