Seit einer Woche rollt das runde Leder wieder über den grünen Platz und mag viele Menschen auf der ganzen Welt zu begeistern. Exemplare der menschlichen Gattung, welche sonst nie 90 Minuten Fussball vor dem heimischen Bildschirm ertragen würden, haben plötzlich wichtige Termine ab 20.30 Uhr und lassen sich von der guten Stimmung anstecken. Auch ich gehöre zu der «nur WM-Spezies» und habe Freude an dem bunten Treiben. Natürlich bekunde ich meine Zugehörigkeit mittels Fähndli am Auto und sobald die Schweizer Nati ihren Einsatz hat, strahlt mein Balkon voller Fahnen, Lampions und Servietten in rot und weiss. Offensichtlich verbindet der Fussball selbst Menschen, die sonst nie miteinander ein Wort wechseln.

Sie fangen zu plaudern an über die Kicker, Trainer, Schiris und die umstrittenen Tröten, welche sich in der heimischen Stube wie ein Bienenschwarm anhören. In einem Fall jedoch entsteht eine grosse Kluft. Wenn unser Nachbar Deutschland den Rasen betritt, sinkt die gute Laune in den Keller. «Alle, nur nicht die Deutschen», hört man oft. An wem oder was liegt diese Abneigung gegenüber unseren Nachbarn in Sachen Fussball? Auf Nachfrage erhielt ich oft das Schlagwort «Arroganz ».

Zugegeben, auch ich habe Mühe mit den singenden Massen, die noch vor dem Eröffnungsspiel: «Wir werden Weltmeister», johlen. Entschuldigend und doch leicht unterschwellig interpretiere ich dann jeweils die Aussage: «Deutschland ist halt eine Turniermannschaft ». Als möchte man sagen, ihr seid zwar gut, habt aber zu viel Glück und wir mögen euch den Sieg doch nicht recht gönnen. Vermutlich liegt der ganzen Rivalität auch ein Quäntchen Eifersucht zu Grunde, ist Deutschland doch ein Land, welches in Anatomie und Abstammung wie auch der Kultur unserem ähnlich ist, es wäre rational betrachtet nichts als fair, wenn die Schweizer Nati auch so erfolgreich wäre.

Komischerweise mögen wir Brasilien und Portugal das Gewinnen besser gönnen, denn da können wir sagen: «Die haben den Fussball im Blut». Vermutlich tragen braungebrannte, durchtrainierte, zahnarzt-weisslächelnde Ronaldos und Co. auch ihren Teil bei. Zudem kommen sie von so weit weg. England wäre auch noch ein halbnaher Nachbar, aber da wurde der Fussball in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfunden, das ist ein Freifahrtschein für «gut sein» und wir mögen es euch gönnen. Ich halte mich ab sofort an das Motto: «Wenn ihr die Besten sein werdet, dann gewinnt halt, aber lasst den anderen auch eine Chance». Hopp Schwiz!

(Angela Suter, publiziert in: Anzeiger für das Oberfreiamt No. 24, 18.6.2010)