Neulich bei einer dieser Ü-ich-binnicht- mehr-zwanzig-Partys ist mir das kalte Kotzen gekommen. Nein, es lag garantiert nicht am üppig konsumierten Gin Tonic. Vielmehr war (der sich später herausstellende) Partyleitsatz: „What happens in Vegas, stays in Vegas“ daran schuld. Der Brüller aus Hangover mag ja leicht umsetzbar sein, liegt der Ort des Verbrechens hunderte Kilometer weit entfernt vom eigenen Revier und unterliegt einer millionenschweren Hollywood-Produktion. Dieser wird aber schnell zur Farce, wenn sogar der vierzigjährige Herr Meier aus dem Nachbarkaff unter der glänzenden Discokugel den Weibern auf die Brüste schaut. Das amüsierwillige Volk lässt sich dort grob in zwei Kategorien unterteilen: Die Suchenden und die Fündiggewordenen. Mein vierköpfiges Löwinnenrudel besteht ausschliesslich aus der zweiten Kategorie. Ausnahmsweise hatten wir uns entschlossen, für besagten Feldzug ein Mitglied auf Probe in unseren erlesenen Zirkel aufzunehmen.

Mann muss sich in der unmittelbaren Nähe von uns vorkommen wie ein zart blutiges Stück Rindsmedaillon auf zwei Beinen. Wir, das glänzende Fell möglichst attraktiv in Mode gehüllt, die Mähne ordentlich gebändigt, die geschmeidigen Hüftbewegungen der Musik angepasst, jedoch immer darauf bedacht, dass wir das Fleisch zu Hause konsumieren. Ausnahmslos wehren wir Eindringlinge des anderen Geschlechts mit einem aufrichtigen Lächeln ab, denn schliesslich können wir uns auch ohne Flirtversuche amüsieren.

Was aber, wenn nun ausgerechnet dieses Mitglied auf Probe nicht nur zu „It’s raining Men“ tanzt, sondern gleich aus der Reihe? Da waren wir also, lachend, tanzend, kichernd, furchtbar albern, aber zweifellos als friedliche Einheit, ohne böse Absichten unterwegs. Für mich unverständlich, hatte sich das temporäre Löwenweibchen von uns entfernt und sich einen in die Jahre gekommenen balzenden Tiger unter die Krallen gerissen.

Da wir in Zeiten von K.- o.-Tropfen und anderen ungebührenden Attacken stets darauf bedacht sind, sicher nach Hause zu kommen, schickten wir nach einer halben Stunde den ersten Suchtrupp los. Die Vorhut kehrte mit der Statusmeldung: „Rudelmitglied gefunden, kurz vor dem Zenit des betrunkenen Weibchens stehend, von Hormonen offensichtlich irritiert und fehlgeleitet, immer noch auf dem Gelände“, zurück.

Hand aufs Herz: Es gibt wirklich nichts Peinlicheres als eine torkelnd lallende Frau, die ihre Grenzen überschreitet. „Wie arg sind wir für sie verantwortlich?“, wollte ich von meinen Freundinnen wissen, denn ich kannte die Dame ja kaum. Schulterzucken, sofern es nicht kontrolliert durch die Musikbässe ausgelöst wird, ist ein wirklich mieses Omen für den restlichen Verlauf des Abends. „…Mann und Kind…“, platzte die Bombe in der Runde, und ich kippte den Rest von meinem Gin Tonic in einem grossen Schluck.

Es ging weder darum, ein Urteil zu fällen, noch den Moralapostel zu geben, denn dies stand uns nicht zu. Jedoch fühlte ich mich arg zur Geheimnisträgerin genötigt. „Ich muss dir ein Geheimnis anvertrauen.“ Ich mag diese Aussage nicht, weil ich mir dabei gebauchpinselt vorkommen kann, und meine Person offensichtlich als vertrauenswürdig eingestuft wird. Ich mag es, weil ich die Wahl habe, mit: „Lieber nicht, danke“, zu beantworten.

Wir zählten das Sündenregister zusammen und versuchten das abtrünnige Rudelmitglied zurück in unsere Obhut zu nehmen. Die endgültige Exmatrikulation der schief tapsenden Löwin fand ihren Grund allerdings in der Tatsache, dass sie sich für den Heimweg nicht dem Rudel, sondern dem balzenden Tiger mit einem lauten Schnurren angeschlossen hatte.

Geheimnisträgerin wider Willen erschien in Bierglaslyrik Nr. 22, Januar 2014