Es ist wieder soweit! Die Hochzeitssaison hat begonnen, und die Einladungskarten flattern ins Haus. Kaum noch Wünsche bleiben dabei offen. In Hochglanz kunstvoll inszeniert, mit suspekten Falttechniken verarbeitet, verspielten Dekorationselementen bestückt, wird jedes Couvert an seine Belastungsgrenze getrieben. Sie buhlen in meinem Briefkasten um Aufmerksamkeit zwischen Zeitung und Rechnung. Nicht zu vergessen die Babykarten, die regelmässig den Weg zu mir finden. Praktisch vor der stressigen Geburtsphase als Vorlage gespeichert, wofür ich selbstverständlich Verständnis aufbringe, bekomme ich den Streckbrief vom Nachwuchs geliefert. Von niedlichen Zootieren umzingelt, herausgegeben von überglücklichen Eltern, mit den Standardangaben versehen.

Für mich gilt: Hauptsache alle sind gesund. Richtig aus den Wolken werde ich erst fallen, wenn ein Kind mit sechs Kilogramm und neunzig Zentimetern präsentiert wird. Vermutlich habe ich die Maschinerie aber sowieso nicht begriffen, oder soll ich aufgrund der Geburtszeit dem Kind den Aszendenten ausrechnen? Die Stressphase beginnt! Ich laufe mir im Babyfachgeschäft die Hacken ab. Obwohl ich ständig erwähne, dass ich keine Ahnung von der Materie habe, werde ich unzureichend beraten, denn ich bin ja eine Frau. Genetisch bedingt soll ich mich damit auskennen, dabei wäre ich eine Goldgrube für jede Verkäuferin, würde sie es denn begreifen. Mein Blutdruck bleibt so lange ekstatisch hoch, bis ich die Babyflaschen, Schnuller, Lätzchen, Strampler und Windeln kunstvoll samt Teddybär zu einem Vierradmotorrad zusammengebastelt habe. Genauso wenig verschont werde ich von der Hochzeitsfront in einer Zeit, wo niemand mehr ein Dutzend Frotteetücher in Aquamarin wünscht, den Luftbefeuchter oder das Teeservice. Trotzdem eile ich zur Bank, verlange nach druckfrischen Noten, übe mich beim Origami in Geduld und drapiere das kleine Vermögen attraktiv. Nicht zu vergessen die schicken 3DKlappkarten, die ich mit Füllfeder liebevoll mit Glückwünschen versehe.

Die Ernüchterung folgt! Zwischen liebenden Eltern schlafend auf einem Stofftier oder lächelnd umarmt von Geschwistern, zeigen sie auf der Dankeskarte mit dem Finger auf mich. Die glanzvollen Fotos im grünen Park, sich küssend, die Trauringe zwischen üppigen Rosengestecken aufgehübscht, im Handorgelformat ausgeliefert und übersäht mit Erinnerungen. Die Galle kriecht mir die Speiseröhre hoch, und ich führe mir die gedruckte Computerschrift mit standardisierten Worten des Danks zu. Mit Argusaugen suche ich nach einem persönlichen Ausrutscher von Kugelschreiber in Form der Unterschrift, eines winzigen Satzes, der meine Mühe wertschätzt, und finde in fast allen Fällen nichts. In einer Zeit, wo selbst das Anschreiben einer Bewerbung noch von Hand unterzeichnet wird, liegt bei Danksagungen des lebensverändernden Anlasses kein eigenhändig gesetzter Buchstabe mehr drin? Mich ereilt die Erkenntnis, dass egal ob ich den Schnuller mit Spruch „Papa ist der Beste“ plus eine Windelpackung spendiere, oder ich die grossen Geschütze auffahre, mir der gleich lapidare Dank blüht, wie allen anderen auch.

Damit ist jetzt Schluss! Ich habe die Schnauze voll und rufe die Rebellion aus. Baby-Utensilien in Pastelltönen mit der Aufschrift „Herzlichen Glückwunsch“, wähle ich praktisch im Internet. „Liebes Kind, herzlich Willkommen auf der Welt. Glück, Gesundheit und schöne Momente sollen Dir beschert sein. Euch Eltern gratuliere ich von Herzen zum Nachwuchs“, lasse ich auf die Karten drucken. Schlichte Schwäne die ein Herz bilden, filtere ich aus den Vorlagen. „Liebes Brautpaar, geniesst Euer Glück, liebt Euch bedingungslos und feiert den grossen Tag“, gebe ich in Auftrag. Den Batzen werde ich nicht kunstvoll zum Tier oder Hemd falten, sondern greife zum Bostitch und befestige die Note lapidar. Mit etwas Glück werde ich mich beim nächsten Gang zum Briefkasten nicht mehr dermassen über die unpersönliche Gangweise von Beschenkten aufregen, die scheinbar mittlerweile normal ist.

Rebellion einer Schenkenden von Angela Suter erschien in Bierglaslyrik Nr. 23, März 2014