Wann mich die Kinophobie genau getroffen hat kann ich nicht sagen, aber es ist mehr als sieben Jahre her. Mit einem zündroten Kopf und den Nerven schon vor Beginn des Films am Ende stehe ich mir die Beine an der Kasse in den Bauch. Obwohl die Tickets per Telefon nach unzähligen besetzt «tuttut- tut-tu»-Zeichen reserviert sind, muss ich mindestens 20 Minuten vor Beginn des Spektakels die Kasse erreichen, ansonsten ist das Ticket weg. Habe ich das überteuerte Popcorn bezahlt und die passende Brause ergattert, quetsche ich mich per «Äxgüsi» durch die vollen Reihen an meinen Platz. Kaum hat der Film begonnen fühle ich mich auf meinem roten, abgewetzten Sessel wie auf einer Schotterpiste.

Der Grossleinwandliebhaber hinter mir, rammt ständig seine Latschen in meinen Sitz. Das nicht enden wollende Popcorntütengeknister nervt mich spätestens, wenn ich selber keines mehr hab. Je nach Film sind knutschende, genau bei den falschen Szenen lachende und übermütige Teenies die Begleiterscheinung des Abends. Eine liebgewonnene Freundin hat mich dieses Jahr zu einigen Kinogängen zur Vorabendvorstellung überredet. Herrlich sag ich Ihnen. Durchschnittlich fünf Personen, die besten Plätze in der hintersten Reihe Mitte und keine nervtötende Begleiterscheinungen. Übermütig von den plötzlich positiven Erlebnissen liess ich mich von meiner Schwester zu Twilight in der Abendvorstellung breitschlagen.

Nach vier gelesenen Büchern mit insgesamt rund 2400 Seiten voller blutrünstiger Vampire, Werwölfe und beinahe keuscher Liebesschwüre, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen. Mutig bestellte ich die Tickets online, keine Telefonwarteschlange, bequemes Zahlen per Internet und zügige Abfertigung beim Eingang. Das Anstehen bei der Futterstation überliess ich meiner Schwester und freute mich auf den Abend. Dummerweise hatte ich den Saalplan im Internet falsch interpretiert, anstatt hinterste Reihe Mitte hatte ich die Genick-Brecher-Klasse gebucht! Zweitvorderste Reihe, glücklicherweise verstanden alle anderen Kinogänger den Plan richtig. Vier volle Reihen hinter uns waren leer.

Mein Ego liess einen Platzwechsel in der Pause nicht zu, also kicherten wir in unsere Sessel gequetscht zuvorderst. Bei den Kampfszenen konzentrierten wir uns auf die Bildmitte damit uns nicht schwindelig wurde. Jede einzelne Narbe, Pickelpore und Gesichtsunebenheit konnten wir bei den normalerweise so perfekten Schauspielern erkennen. Meine Schwester hatte den Film schon eine Woche zuvor gesehen, um dies zu untermauern kündigte sie mir jeweils weinerliche Szenen fünf Minuten im Voraus mit einem Ellenbogenstups in die Rippen an. Unspektakuläre Passagen kommentierte sie mit Geraschel in ihrer Handtasche, suchend nach Natel oder Lippenpomade. Ab sofort geh ich wieder in die 18.00-Uhr-Vorstellung. Ich überlass den Ticketkauf meiner Begleitung, bestehe auf einen noch ungesehenen Blockbuster und Schwester, den nächsten Film darf ich auswählen!

(Angela Suter, publiziert in: Anzeiger für das Oberfreiamt No. 31, 6.10.2010)